Mira

Ihr nennt es Phase. Ich nenn es Überleben.

Ich bin Mira

Ich hab nicht aufgehört zu fühlen.
Ich hab nur aufgehört, es euch zu erklären.

Ich schreib, weil es sonst in mir explodiert.

Nicht, um Likes zu sammeln. Nicht, um nett zu sein.

Für die, die alles runterschlucken, bis es brennt.

Für die, die Narben verstecken und Abschiedsbriefe im Kopf schreiben.

Für die, die nachts wachliegen und sich fragen, ob sie morgen überhaupt noch aufstehen wollen.

Hier ist Platz für Worte, die schneiden. Für Sätze, die im Hals stecken bleiben.

Kein „Reiß dich zusammen“. Kein „Wird schon wieder“.

Nur das, was weh tut – und das, was bleibt, wenn der Schmerz nachlässt.

Mira

das hier sollte ich nicht posten.

Zensiert in meinem Kopf

Ihr spielt nett und tut sauber. Eure Moral ist Fassade.

Ihr sagt „Liebe dich selbst" – während ihr eure Falten wegfiltert.

Ihr nennt uns Generation kaputt. Ihr habt uns so gemacht.

Ihr nennt es Phase

Ihr sagt, es geht vorbei. Die Klinik war voll von Lügnern wie mir.

Ihr sagt „Kopf hoch". Mein Kopf ist so schwer von euren Erwartungen, dass ich ihn kaum noch trage.

Schulpflicht

Morgens Maske auf. Damit niemand sieht, wie leer ich bin.

Mathe. Ich versteh nichts. Der Lehrer sagt: „Streng dich mehr an."

Ich streng mich an, nicht zu weinen.

Deutsch

Herr R. liest vor: „Die Leiden des jungen Werthers". Ich zähl meine Narben und denk: Der hat sich wenigstens getraut.

J. flüstert: „Bist du auch so empfindlich?" Ich lache. Das tut mehr weh als Ritzen.

Hausaufgabe: Analysiere Werthers Motive. Ich schreib: ‚Einsamkeit.‘ Streich's durch. Schreib: ‚Liebe.‘

Die Wahrheit passt in keine Schulaufgabe.

Falsche Freunde

Sie mögen mich, solange ich lache. Solange ich nicke. Solange ich brav bin.

Wenn ich „Nein" sage, bin ich anstrengend. Wenn ich ehrlich bin, bin ich „komisch".

Ich will dazugehören. Ich will verschwinden. Beides gleichzeitig.

Schwarz im Spiegel

Ich zähl Knochen, nicht Sterne. Zu breit. Zu weich. Zu viel.

Ihr sagt ‚Iss was'. Ich esse Luft und Scham.

Morgen esse ich weniger. Morgen bin ich weniger.

Abendbrot

Mamas Messer schneidet Brot. Zu laut. Ich zucke zusammen. Meine Ärmel rutschen hoch. Narben, frisch wie Aufschnitt.

Mama fragt: „Willst du mehr?" Ihre Augen bleiben an meinen Handgelenken hängen. Eine Sekunde. Dann guckt sie weg.

Papa schneidet sein Fleisch. Rosa. Wie die Striemen an meinen Oberschenkeln. Er sieht es nicht. Er sieht nie was.

Draußen heult ein Hund. Wir alle atmen durch. Endlich ein Geräusch, das passt.

Gelöscht um 3:47 Uhr

Handylicht. Ich tippe „Hilfe" und lösche es. Hilfe ist für Schwache, sagt ihr.

Ihr nennt es Drama. Ich nenn es Überleben.

Und wenn ich gehe, sagt ihr: „Wir haben nichts gemerkt."

Selbstverletzung und Narben

Es ist still, und mein Herz klingt fremd. Zu spät, zu ruhig. Alles sieht heil aus, aber ich weiß, es ist zerbrochen. Schnitte, tief. Blut, Schmerz, Erleichterung. Dann Leere. Narben bleiben, erzählen, ohne dass jemand zuhört. Von Verzweiflung. Von Überleben.

Hitze, Qual, Ruhe – Narben brennen, erinnern, an Momente, die ich vergessen will. An Emotionen, die zu laut waren.

Kratzer, Wunden, ein Atem Freiheit. Sie heilen, aber sie gehen nicht. Jede bleibt ein Schritt, ein Beweis, dass ich noch da bin.

Die Welt sieht Stärke, sieht Fassade, sieht alles, nur nicht mich. Narben sind Teil von mir, Teil der Reise, Teil vom Überleben. Schmerz und Stärke – beide in einer Haut.